Wer bin ich? - Einer und doch viele! Viele und doch Einer!

Gelungene Aufführung einer „Steppenwolf“ -Adaption nach Hermann Hesse an der Reutlinger Steinbeis-Schule.

 

Eine Bühne, karg und nur in Weiß gehalten. Harry Haller, Protagonist von Hermann Hesses Roman „Steppenwolf“ (1927) – schlüpft aus seinem Wolfspelz heraus auf die Bühne, in Weiß gekleidet. Schauspieler Julian König vom „Mobilen Theater“ aus Karlsruhe spielte Haller in dieser geschlossen Aufführung für die Schülerinnen und Schüler der Steinbeisschule am gestrigen Dienstag mit großer Intensität. Mit der Uniformität des Bühnenbilds, so erläuterte es König, wolle der Regisseur die Zerrissenheit und Einsamkeit Hallers deutlich machen. Hermann Hesse (1877 bis 1962) schrieb seinen Roman „Der Steppenwolf“ Mitte der 20er Jahre in einer seiner Lebenkrisen: 50- jährig  war er immer noch ein Suchender nach dem „Sinn des Lebens“, hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich, gab sich dem Alkohol zeitweise im Übermaß hin, suchte Heilung von Sucht, aber auch einer komplexen, ihn verstörenden Welt  in Sanatorien. Harry Haller, der einsame „Steppenwolf“ des Romans, war sicher ein Stück weit Hesses „Alter ego“.  

Regisseur Thorsten Kreilos hat es zusammen mit Schauspieler tl_files/Bilder/Fotos_Berichte/Allgemeines/Theater_Steppenwolf/steppenwolf_Theater_2020.jpgJulian König geschafft, Hesses Roman von etwa siebeneinhalb Stunden Lesezeit auf etwa 60 Minuten Bühnenspiel zu verdichten. Dank moderner Video- und Projektionstechnik, die vom Theaterteam virtuos beherrscht und genutzt wurde, gelang es der Aufführung in der Aula der  Reutlinger  Steinbeisschule (Gewerbliche Schule I)  die Zuschauer mit auf eine Reise Hallers zu nehmen,  die diesen mit verschiedenen Facetten seines Ich, seiner eigenen Persönlichkeit, konfrontierte.

Da ist einerseits die Einsamkeit Hallers, die er zwar selbst gewählt hat, aber unter der er doch zu leiden scheint: „Einsamkeit ist Unabhängigkeit. Ich hatte sie mir gewünscht in langen Jahren.“ Dann wiederum die Idee, das lästige irdische Dasein mit Hilfe eines Rasiermessers zu beenden. So wie Goethes Faust seine „liebliche Phiole“ voller Gift begrüßt und nur durch das Glockengeläut am Ostermorgen vom Selbstmord abgehalten wird, sinniert auch der „Steppenwolf“ über die Möglichkeit des Freitodes. Er wünscht sich, vielleicht gerade dadurch, Unsterblichkeit. Aber er muss erkennen:

„Ich bin nicht bei den Unsterblichen, noch nicht.tl_files/Bilder/Fotos_Berichte/Allgemeines/Theater_Steppenwolf/steppenwolf_Theater_2020_2.jpg Ich bin noch immer im Diesseits der Rätsel, der Leiden, der Steppenwölfe und der qualvollen Verwicklungen.“ Noch ist es also für Haller zu früh, von der irdischen Bühne abzutreten. Anders als Mozart, der ihm als Musterbeispiel für einen Unsterblichen gilt, erreicht Haller diese Unsterblichkeit nicht. Stattdessen erlebten die Schüler gemeinsam mit Haller, dem „Steppenwolf“, seine Begegnungen mit den Teilen seines noch nicht gelebten Ichs. Zum einen mit dem Saxofonisten Pablo, der für das musische Element stand. Zum anderen mit Maria, mit welcher Haller lustvolle erotische Freuden erlebt. Mit seinem Jugendfreund Gustav. Und natürlich mit der androgynen Hermine, ebenfalls Teil seines ungelebten Lebens.  Hermann Hesses eigene Sinnsuche blitzt in den für das Stück ausgewählten Zitaten immer wieder auf. „Intensiv leben! So richtig! Das kann man nur auf Kosten des Ich- Der Bürger aber schätzt nichts höher ein als das Ich“ – das bürgerliche Leben mit all seinen Konventionen, ein Problem für den „einsamen Steppenwolf“ Hesse in vielen seiner Lebensphasen, ob Calw, Basel, Gaienhofen oder auch Montagnola.

Alle auf Video, Monitor oder als Leinwandprojektion zu sehenden Rollen, die neben dem auf der Bühne live agierenden Schauspieler Julian König zu sehen waren, waren zuvor auch von diesem eingespielt und eingesprochen worden.  Die Schwierigkeit dabei, so beantwortete König bei der Nachbesprechung des Stücks eine Schülerfrage, bestand darin, auf der Bühne so präzise zu agieren, dass Liveauftritt und Monitoraufnahme genau zueinander passten. Schwerpunkt und Höhepunkt der Aufführung, mit der das „Mobile Theater“ Karlsruhe seit Frühjahr 2018 schon an vielen Schulen unterwegs war, war Harry Hallers Besuch des „Magischen Theaters“. Schon an der Eingangstüre zu diesem Magischen Theater heißt es „Eintritt nur für Verrückte“. Dekonstruktion und Rekonstruktion, also das Zerlegen und Wieder-Zusammensetzen der Persönlichkeit wurden sehr schön deutlich. So sagt es Haller im Magischen Theater selbst: „Meine Persönlichkeit war aufgelöst wie Salz im Wasser.“ Bühnentechnisch genial umgesetzt, wurde Haller durch kaleidoskopartige Spiegel mit den vielen Facetten seines Ichs konfrontiert. Hierdurch wurde seine Zerrissenheit auf geradezu plastische Weise anschaulich gemacht.  Wer bin ich? – Einer und doch viele! Die Gespaltenheit des Menschen, so gibt es uns Harry Haller alias Hermann Hesse alias der Steppenwolf aber auch mit auf dem Weg, ist etwas ungemein Schöpferisches: „Schizophrenie ist der Anfang aller Kunst, aller Phantasie.“

Großer Applaus für eine sehr gelungene, atmosphärisch dichte, anspruchsvolle Vorstellung in der Aula der Ferdinand-von-Steinbeis-Schule am Schluss des Stückes. Ermöglicht wurde die Aufführung des Theaters -das nicht staatlich subventioniert wird- durch das Engagement von Deutschlehrerin Kristina Hütter-Künstle, dem Förderverein der Steinbeisschule und einer Zuwendung der Kreissparkasse Reutlingen.

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